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02.10.2020

Corona Update: Alltagsmasken – wie sinnvoll sind sie? 

Seit Mitte April gilt in Deutschland an vielen Orten eine Maskenpflicht. Als sogenannte Alltagsmaske kommen nicht nur Stoffmasken in Frage, auch ein handelsüblicher Schal gilt bereits als ausreichend. Ob und wie Stoffmasken die Verbreitung der Pandemie beeinflussen können, ist derzeit auch in vielen physiotherapeutischen Praxen Diskussionsstoff. PHYSIO-DEUTSCHLAND hat daher in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Wissenschaft, Forschung, Aus- und Weiterbildung eine Recherche der derzeit verfügbaren Studienliteratur durchgeführt. 

Die Ergebnisse in Kurzfassung und Auswirkungen für die Physiotherapiepraxis

Die derzeitige Studienlage zeigt, dass Stoffmasken nur als Bestandteil eines Hygienekonzeptes die Verbreitung von Infektionskrankheiten verringern können. Zusätzliche Maßnahmen wie Abstand, Handhygiene und Husten-Nies-Etikette sind auch mit Maske unverzichtbar. Filtrationswirkung und Rückhaltung von Aerosolen fällt in den betrachteten Studien bei Stoffmasken regelmäßig geringer aus als bei medizinischen Masken. Baumwoll- und Frottee-Stoffe zeigen bei der Rückhaltung von Aerosolen die besten Ergebnisse. Entscheidend bei Stoffmasken sind außerdem ein guter Sitz, mehrlagiges Material, eine korrekte Anwendung und eine tägliche, umfassende Reinigung! Für den medizinischen Einsatz sind Stoffmasken aufgrund dieser Nachteile daher nur im Notfall zu empfehlen. Da in der physiotherapeutischen Praxis in der Regel nicht mit akut infizierten Patienten gearbeitet wird, kann aufgrund der Studienlage davon ausgegangen werden, dass einfache medizinische Masken bereits einen guten Fremd- wie Eigenschutz gewährleisten. Bei intensiven Tätigkeiten im Kopfbereich (z.B. Atemtherapie, CMD) empfehlen wir jedoch weiterhin die Nutzung von FFP-Masken. 

Die Ergebnisse im Detail

Grundsätzlich ist die Datenlage zu Stoffmasken als schwierig zu bezeichnen, aktuelle Studien, die den Effekt von Masken bei Covid-19 untersuchen, liegen noch nicht oder in nicht ausreichender Zahl vor. Studien zu Influenza, SARS oder MERS untersuchen vor allem den Effekt von medizinischen Masken. Die Daten zu Stoffmasken bei einer Pandemie stammen überwiegend aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, im Rahmen der damals grassierenden Spanischen Grippe und sind aufgrund der Fortschritte im Gesundheitswesen nicht mehr relevant. Es muss also bei jeglicher Betrachtung der Wirksamkeit von Alltagsmasken klar sein, dass es sich bei den Aussagen überwiegend um Übertragungen von Forschungsergebnissen zu anderen viralen Erkrankungen der Atemwege handelt. 

Chu et al. untersuchten in einer Meta-Analyse 172 Beobachtungsstudien und 44 Vergleichsstudien aus insgesamt 16 verschiedenen Ländern, die die Effekte von Schutzmaßnahmen wie Social Distancing, Gesichtsmasken und Augenschutz bei Infektionen der oberen Atemwege thematisierten. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass ausreichender Eigenschutz nur durch medizinische Masken (MNS, FFP2 oder FFP3) gewährleistet wurde. Einige Studien konnten aber auch für medizinischen Mund-Nasen-Schutz keine Schutzwirkung finden. Die Autoren schlussfolgern daraus, dass medizinische Masken nur in Kombination mit weiteren Maßnahmen (Abstand, Schutzbrillen etc.) erfolgreich eine Infektion der oberen Atemwege verhindern können. Alltagsmasken wurden in den einbezogenen Studien nicht untersucht.

Chungtai et al. veröffentlichten einen Report, der die Schutzwirkung unterschiedlicher Maskentypen thematisiert. Die Autoren beziehen sich im Vergleich von Alltagsmasken mit medizinischen Masken vor allem auf eine Kontrollstudie aus dem Jahr 2015 in Vietnam. In der Studie wurden in der Gruppe der Stoffmaskenträger erhöhte Infektionswerte nachgewiesen, die teilweise bis zu 13fach höher als in den Kontrollgruppen lagen, sodass ein höheres Infektionsrisiko durch die Stoffmaske angenommen wurde. Die Autoren vermuten, dass dieser Effekt auf eine Kontamination des Stoffes durch eine falsche oder zu selten durchgeführte Reinigung zurückzuführen ist. In der Studienanordnung erhielten die Versuchspersonen der Stoffmaskengruppe fünf Masken für einen Studienzeitraum von vier Wochen. Nach der Benutzung wurde die Stoffmaske täglich mit warmem Wasser und Seife gereinigt. Weiterhin untersuchten Chungtai et al. 19 Studien zum Filtrationseffekt verschiedener haushaltsüblicher Stoffe; hierbei ergab sich, dass Stoffe Aerosole zurückhalten können, wenn auch deutlich weniger als medizinische Masken. Baumwolle (insbesondere Mischgewebe) und Frottee wiesen im Vergleich die beste Filtrationswirkung auf. Der Effekt konnte sich jedoch nur einstellen, wenn die Stoffe mehrlagig verwendet wurden und der Maskenschnitt der Gesichtsform angepasst war. Aufgrund der Ergebnisse schlussfolgern die Autoren, dass Stoffmasken bei Covid-19 nur als Notlösung bei Verfügbarkeitsproblemen von medizinischen Masken in Frage kämen. Die Autoren betonen insbesondere, dass entsprechende Aufklärungskampagnen zur richtigen Verwendung und vor allem zur Reinigung der Stoffmasken erforderlich wären. 

Ein Report der ECDC (European Center for Disease Prevention and Control) bestätigt die Aussagen von Chungtai et al. und weist ebenfalls darauf hin, dass der Nutzen von Alltagsmasken erheblich vom Gebrauch, insbesondere der Reinigung der Masken, abhängig wäre. Der positive Effekt von Stoffmasken darf laut der ECDC nicht überschätzt werden, da er nur in Kombination mit weiteren Methoden wie zum Beispiel Social Distancing einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen bringen kann. 

Jefferson et al. untersuchten in einem Systematischen Review mögliche Barrieren für die Übertragung von Atemwegsinfekten. Die Autoren bestätigten, dass Masken im Allgemeinen ein Übertragungshemmnis darstellen. Hierbei waren hochwertige Filtermasken (FFP2 und FFP3) dem einfachen medizinischen Mund-Nasen-Schutz nur geringfügig überlegen. Stoffmasken wurden nicht untersucht. 

Macintyre et al. beschäftigten sich in einem Systematischen Review mit der Wirkung des Maskengebrauchs in der Öffentlichkeit, im Gesundheitswesen und bei erkrankten Personen. Den Maskengebrauch im Alltag untersuchten acht der eingeschlossenen Studien. In den meisten wurde der Nutzen der Masken jedoch nur gemeinsam mit weiteren Hygienemaßnahmen erhoben z.B. Handhygiene oder Husten-Nies-Etikette. Bei insgesamt sechs Studien konnten durch diese Kombination schützende Effekte gegen Influenza nachgewiesen werden. Nur eine Studie unter 1.178 College Studenten aus den USA untersuchte den Effekt von Masken alleine. Hierbei wurden gesunden Studenten während der Influenza-Saison handelsübliche Einmal-Masken ohne medizinische Zulassung zur Verfügung gestellt, die sie entweder in Kombination mit einer weiteren Hygienemaßnahme (z.B. Handhygiene) oder als einzigen Schutz nutzen sollten. Eine Kombination verschiedener Maßnahmen erwies sich dabei als wirksam gegen Influenza, die Maskennutzung alleine konnten keine signifikante Schutzwirkung erzielen. Für die Nutzung im Gesundheitswesen (6 Studien) wurde vor allem der Unterschied zwischen medizinischen Masken und FFP-Masken untersucht, dabei ergab sich bei allen Studien kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Maskentypen. Eine Studie konnte jedoch zeigen, dass FFP-Masken zuverlässig gegen Viren, Bakterien schützen. Fünf der ins Review eingeschlossenen Studien untersuchten den Nutzen von Masken bei bereits erkrankten Personen. Eine dieser Studien aus dem April 2020 erhob deren Wirkung bei Coronaviren. In der Studie konnte gezeigt werden, dass diese sich überwiegend in Aerosolen finden lassen. Durch das Tragen einer medizinischen Maske konnten die Aerosole in der Ausatemluft wirksam zurückgehalten werden. 

Verwendete Literatur

  • Chu, D., Akl, E., Duda, S., Solo, K., Yaacoub, S., Schünemann, H. (2020). Physical distancing, face masks and eye protection to prevent person-to-person transmission of SARS-CoV-2 and COVID-19: a systematic review and meta-analysis. The Lancet, 395, 1973-1987. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)31142-9

  • Chughtai, A. A., Seale, H., & Macintyre, C. (2020). Effectiveness of Cloth Masks for Protection Against Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2. Emerging Infectious Diseases26(10), 1-5. dx.doi.org/10.3201/eid2610.200948.

  • European Centre for Disease Prevention and Control. Using face masks in the community. Stockholm: ECDC; 2020.

  • Jefferson, T., Del Mar, C. B., Dooley, L., Ferroni, E., Al-Ansary, L. A., Bawazeer, G. A., van Driel, M. L., Nair, S., Jones, M. A., Thorning, S., & Conly, J. M. (2011). Physical interventions to interrupt or reduce the spread of respiratory viruses. The Cochrane database of systematic reviews2011(7), CD006207. doi.org/10.1002/14651858.CD006207.pub4

  • MacIntyre, C. R., & Chughtai, A. A. (2020). A rapid systematic review of the efficacy of face masks and respirators against coronaviruses and other respiratory transmissible viruses for the community, healthcare workers and sick patients. International journal of nursing studies108, 103629. doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2020.103629